Denke positiv oder auch: Gott ist ein Arschloch

ACHTUNG: Dieser Text ist voller Zynismus, Sarkasmus und Ironie, nicht für zartbesaitete geeignet.

Ich habe Brustkrebs, war anfänglich fast 3 cm gross, mind. 1 Lymphknoten ist befallen, ich habe mehrere Knochenmetastasen, 10 Monate später wurde dazu noch ein inflammatorischer Brustkrebs festgestellt. Nach heute zu Verfügung stehenden Mitteln bin ich nicht mehr heilbar. Ich führe Therapien durch um meine Lebenszeit zu verlängern. Was die Statistiken zu meiner Lebenszeit meinen ist mir egal, ich bin keine Statistik. Befinde mich gerade in der Chemotherapie… Ich sehe gesund und munter aus :-). Auf die Antihormontherapie habe ich sehr gut angesprochen.

Ich bin traurig, voller Angst und wütend im Wechsel und muss jetzt mal Dampf ablassen. Hier die Sätze die mich stören.

1. Wie geht’s Dir?

… abgesehen vom Krebs? Na ja… wenn der Satz ernst gemeint ist antworte ich gerne, nur die floskelartige Verwendung nervt mich total. Ich lüge fast immer auf diese Frage: Ja mir geht es super und Dir? Leider kommt man da nicht darum rum….

2. Heute kann man da viel mehr machen als früher, bei mir gab es das noch nicht.

Dem Wortlaut kann ich entnehmen, dass dies von jemanden kommt der auch mal Brustkrebs hatte vor mehr als 10 Jahren. Allerdings hab den Satz noch nie von jemanden gehört der damals vor so einer schlechten Prognose stand wie ich (wenn’s anders ist und die Person ist eine Langzeitüberlebende, wäre ja das super). Soll das jetzt heissen bei mir ist‘s kein Problem? Bei Dir war‘s viel schlimmer oder was? Die Prognose für meine Erkrankung ist heute nicht anders als damals: un-heil-bar. Hast du überhaupt verstanden was ich dir gerade erzählt habe?

3. Warum machst Du überhaupt eine Therapie? Ich würde nichts machen.

Ja, Du hast Recht. Ich sollte einfach nichts tun und den Krebs mich auffressen lassen, leiden und bald sterben… Was für ein Bockmist… Wahrscheinlich jemand der sich gerne mit Verschwörungstheorien von dubiosen Naturheilern auseinander setzt, welche gegen die medizinischen Krebstherapien aufhetzen.

4. Ich habe eine Tante die ist 58 und hatte vor 2 Jahren auch Brustkrebs, musste Chemo machen, OP, Bestrahlung… Im Fall das ganze Programm. Jetzt geht es ihr wieder super und ich kenn auch einen von der Arbeit der hatte Hautkrebs und… bla bla bla bla bla…. (es folgt ein nicht enden wollender Monolog).

Hör mal: wenn es Deiner Tante jetzt nach zwei Jahren „super“ gehen soll, kann das natürlich tatsächlich sein, aber ich habe da grosse Vorbehalte bezüglich Deiner Beurteilungsfähigkeit der Situation. Kurz gesagt: Woher genau willst Du denn das wissen? Nach dem Du mir jetzt über alle 20 Fälle in deiner Bekannt- und Verwandtschaft berichtet hast, frage ich mich was zum Donner Dich dazu verleitet, so oberflächlich zu reagieren und mir den Kopf mit Sachen zu füllen, welche Du nicht einmal genau Beurteilen kannst. Noch so eine Reaktion und Du bist von meiner Freundesliste gestrichen. Keine Angst: Auf Facebook werde ich Dich nicht löschen, das wäre für Dich ja blöd wenn Du statt 531 Freunde nur noch 530 hast.

5. Ist es denn ein bösartiger Krebs?

…. nein er ist ein ganz lieber…

6. Denk positiv!

Ja Krebs ist etwa so positiv wie AIDS, Hämorriden, Beulenpest, Ebola, ein Abszess im Gesicht, Krieg und die Straflager in Nordkorea. Aber immerhin: Aufgrund meiner Diagnose fällt es mir einfacher alltägliche Dinge zu schätzen.

7. Wir wissen ja alle nicht was die Zukunft uns bringt oder wie lange wir leben.

Das ist im Grundsatz nicht falsch. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich vor dieser Diagnose Skrupel gehabt hätte einen Flug in drei Monaten zu buchen. Das einzige, dass ich weiss beim heutigen Kenntnisstand: Ich werde nie etwas von meiner Pensionskasse haben, muss aber trotzdem jeden Monat einen Beitrag zahlen.

8. Das ist doch heutzutage heilbar, das kommt schon gut.

Ja klar, ist ja etwa das gleiche wie ein Pickel am Arsch… kein Problem, mach ich doch mit Links.

9. Ah Du musst keine Chemotherapie machen, dann ist ja gut.

Ich wäre verdammt noch mal froh gewesen und zu allem bereit wenn es eine Therapie für mich gegeben hätte die hilft. Ausserdem muss ich ab morgen 18 mal wöchentlich Chemo machen.

10. Du siehst doch aber top fit aus.

Ja klar sieht man es nicht wirklich, solange ich noch gerade keine Chemotherapie machen muss und mir die Haare ausfallen. Man sieht auch nicht, dass ich 12 kg zugenommen habe, schlecht schlafen kann, an nervigen Hitzewallungen leide, Rückenschmerzen habe, an Panikattacken und finanziellen Zukunftssorgen fast ersticke. Aber hey: Ich kann reden und gehen… ist doch super, mehr braucht der Mensch nicht.

11. Immerhin kannst Du noch ein wenig Arbeiten.

Oh welch stolze Tugend, ich bin ja so pflichtbewusst… Ich arbeite nicht weil ich es unbedingt WILL, sondern weil ich es aus finanzieller Hinsicht her MUSS (ist bei meiner Ausgangslage wirklich so). Ich habe mir schon immer gewünscht meine Zeit bis zum Lebensende mit Arbeiten zu verbringen.

12. Bist Du nicht im Spital?

Ach so, alle die unheilbar Krebs haben sind also für ihre restliche Zeit für 1 bis 10 Jahre im Krankenhaus? Kein Wunder explodieren die Gesundheitskosten.

13. Sei bitte nicht traurig.

Das gelingt mir ja je nach Umständen zu 90-100%… Resp. ich tue auch viel nur so und mache gute Miene zum bösen Spiel – das kostet viel Kraft, sehr viel. Aber bitte, lass mich doch auch einfach mal traurig sein und weinen wenn mir danach ist, das tut gut und kostet mich weniger Energie als den Schein zu wahren. Jeder Tag ist eine grosse Herausforderung. Ich muss mehrfach meine Gedanken stoppen, habe eine spürbare Enge in der Brust oder einen Klos im Hals der droht zu platzen. Fragen über meine zukünftigen Ziele von Leuten die nicht wissen, dass ich Krebs habe, sind extrem schwierig zu beantworten… ich bin eine schlechte Lügnerin. Ich bin leider sehr dünnhäutig geworden und kann nicht mehr so selbstsicher mit Konflikten umgehen.

14. Du musst jetzt kämpfen und stark sein.

Für wen genau soll ich kämpfen? Soll ich es für Dich tun? Stört Dich, dass ich mies gelaunt bin oder weniger arbeiten will? Was ist damit gemeint? Mir ist nichts bekannt, womit ich meinen Krebs ankämpfen könnte. Ich habe keine Waffen zur Hand. Ich bin sehr stark, weiss aber nicht wirklich, ob das auch gut ist. Für mich hat diese Aussage was Wertendes, es gilt in unserer Gesellschaft als lobenswert, wenn man stark ist und kämpft. Ich frage mich ob ich es jetzt Dir oder mir recht machen soll.

15. Du bist so fröhlich und feierst – ist das ein Ablenkungsmanöver oder ist es nicht mehr so schlimm mit dem Krebs?

Was sollte ich Deiner Meinung nach tun? Was wäre denn adäquater? Zuhause sitzen und Trübsal blasen? Ja natürlich ist das auch ein Ablenkungsmanöver und Du hast es mir gerade jetzt versaut und mich mit einem Paukenschlag in die Realität zurückgeholt – vielen Dank auch, Du gibst mir so viel.

16. Du hast hoffentlich keine Kinder oder?

Nein, habe ich nicht, darum ist es in Deinen Augen wohl auch viel weniger schlimm wenn ich sterbe und auch viel einfacher damit umzugehen. Tut mir also leid, ich habe die urweibliche Daseinsberechtigung nicht erfüllt (komischerweise werden das vor allem Frauen gefragt und nicht die Männer… von wegen die Frauen haben sich emanzipiert).

17. Wenn eine Seele auf der Erde genug gelernt hat kann sie gehen.

Soso… ich habe also genug gelernt und kann sterben. Na dann bin ich doch froh. Verschone mich bloss mit dem esoterischen Scheiss…

18. Es ist ein Zeichen, der Krebs hat einen Sinn.

Verschon mich – Wenn das so wäre, hättest DU ihn schon lange kriegen sollen…

19. Gott will Dir damit etwas sagen.

Genau… Wenn das so wäre, ist Gott ein ziemliches Arschloch und ich möchte nichts mit ihm zu tun haben.

UND LAST BUT NOT LEAST… Der absolute Killersatz:

20. Deine Krankheit kommt vielleicht durch all den Stress und deine Lebensumstände.

Wie bitte? Hat es Dir „ins Hirni gschisse“ oder was? Ich bin also selbst schuld? Du scheinst mehr über Krebs zu wissen als alle anderen, man sollte Dir den Nobelpreis geben. Minus ein Freund. Auf Nimmerwiedersehen. Sei verflucht: ich wünsche Dir einen Scheidenpilz oder Erektionsstörungen… Kommt halt vom schlechten Karma, weisst…

Denke positiv oder auch: Gott ist ein Arschloch

Hallo Welt!

Dies ist dein erster Beitrag. Klicke auf den Link „Bearbeiten“, um diesen zu bearbeiten oder zu löschen, oder beginne einen neuen Beitrag. Wenn du möchtest, kannst du diesen Beitrag verwenden, um Lesern mitzuteilen, warum du diesen Blog begonnen hast und was du damit vor hast.

Viel Spaß beim Bloggen!

Hallo Welt!